Als ich an einem kühlen Herbsttag eingewickelt in eine graue Wolldecke an meiner Abschlussarbeit saß, dachte ich:
“Damit kann ich garantiert nicht in die Bibliothek – das muss es auch in Schön geben!”
Ich bin ein Fan vom Herbst –
ich mag die tief stehende Sonne, die Farben, die kühle Luft und die Gemütlichkeit, die diese Jahreszeit mit sich bringt. Vor allem mag ich die melancholische Stimmung: eine Mixtur von Ende und Neubeginn zugleich. Genau an so einem Tag saß ich, eingewickelt in eine graue Wolldecke, mit einer Tasse Tee am Computer und arbeitete an meiner Abschlussarbeit. Ich schaute an mir herunter und dachte „Zuhause geht das klar – in der Bibliothek definitiv nicht! Das muss es auch in Schön geben.“ Ich brauchte etwas, das wirklich wärmt, einfach zu bedienen ist und mich nicht aussehen lässt, als würde ich vom Sofa aus arbeiten. Ich recherchierte nach Begriffen wie „kleine Decke“, „Umhang“, „Poncho“ und plötzlich hatte ich den Begriff: CAPE! Ein Cape musste her. Doch nichts was ich fand, gefiel mir. Mal war es die Materialzusammensetzung, dann wieder die eintönige Farbe, das unruhige Muster oder die langen Fransen. „OK“, dachte ich mir, „dann muss ich mir mein eigenes Cape gestalten – als angehende Designerin vielleicht gar keine so schlechte Übung.“ Ich wollte ein multifunktionales Cape – einen Allrounder –, der mich tagsüber am Schreibtisch sowie abends auf dem Sofa wärmt, den ich mir zum Weggehen lässig-schick über meinen Blazer werfen kann, der an lauen Sommerabenden Gemütlichkeit schenkt und an kühlen Wintertagen alle zugigen Stellen des Mantels abdeckt. Gewebt aus einem natürlichen Stoff, zweiseitig und somit zweifarbig tragbar. Puristisches Design, simpel Anwendung, ohne Muster, ohne Fransen, ohne Schnickschnack: ein unkomplizierter und schlichter Begleiter für jeden Anlass – soweit meine Idee. Meine Bachelorarbeit ließ ich vorerst links liegen und begann zu recherchieren, zu entwerfen, Stoffe zu begutachten und potenzielle Farben auszuwählen. In den nächsten Monaten besuchte ich Stoffmessen und nahm Kontakt zu Nähereien, Webereien und Modefirmen auf, um Möglichkeiten der Produktion einer Kleinauflage in Erfahrung zu bringen. Schnell stellte ich fest, wie komplex und unzugänglich die Modeindustrie ist und dass man ohne Agentur kaum Zugang zu Informationen, geschweige denn zu Produktionsstätten erhält. Ich recherchierte weiter und weiter, kontaktierte potenzielle Webereien im In- und Ausland, doch immer wieder scheiterte es an einer Mindestauflage von 500 Capes – so viel Budget hatte ich nicht. Als ich meine Idee schon fast über Bord geworfen hatte, kam die entscheidende Antwort aus Italien: „Ciao Jil, I think we can help!“ Eine italienische Weberei, spezialisiert auf Accessoires, Schals und Ponchos bot mir gegen einen geringen Aufschlag die Produktion einer Kleinauflage von 100 Capes an.
Genau DAS was ich gesucht hatte! Per Händen und Füßen, Beispielbildern und Skizzen planten wir das Cape: eine perfekte Materialkombination, die keine Falten wirft, ein idealer Stoffabschluss ohne Fransen, eine Doubleface Option, die es ermöglicht, das Cape von zwei Seiten zu tragen, sechs durchdachte Farbkombinationen, sodass für jeden Farbtypen etwas dabei ist. So kam das eine zum anderen, sodass es ein halbes Jahr später an der Tür klingelte und zehn riesige Paketen vor der Tür standen. Übersprudelnd vor Freude und Aufregung versuchte ich 100 Capes bei mir Zuhause zu verstauen. Die Capes kamen bei Freunden und Familie so gut an, dass ich direkt eine weitere Ladung produzieren ließ und das Sortiment durch Schals und Babydecken aus 100 % Merinowolle aus Irland erweiterte. Der Grundgedanke war, nicht nur die Damen warm und weich zu umhüllen, sondern gleich die gesamte Familie, so der Slogan: wrap your beloved in love. Shepherd & Loom ist mittlerweile ein kleines Familienunternehmen geworden, bei dem jeder da anpackt, wo er kann und möchte. Alle Aufgaben, begonnen bei der Farbauswahl der Stoffe über die Gestaltung der Etiketten, bis hin zur Konfiguration der Website, meistern wir gemeinsam. Mein Mann bedient den Grafikbereich, Mama hilft auf Messen, Freunde werfen sich bei Wind und Wetter vor die Kamera – das macht Shepherd & Loom zu einem sehr persönlichen und familiären Kleinunternehmen und daher zu einem ganz besonderen Projekt für mich.
JIL KÖHN